Warum ein Dalmatiner aus VDH Zucht?
In Deutschland gibt es insgesamt vier Dalmatinerzuchtvereine, der älteste wurde bereits 1920 gegründet. Die vier Rassezuchtvereine sind Mitglied im VDH (Verband für das deutsche Hundewesen). Der VDH schafft hierbei nur gewisse Rahmenbedingungen für die Hundezucht allgemein und überlässt es den einzelnen Vereinen, die Zucht der jeweiligen Rassen zu gestalten.
Der internationale Dachverband ist die FCI (Fédération Cynologique Internationale), der sowohl der VDH als auch die Zuchtvereine vieler anderer Länder angehören. Ausnahmen bilden Länder wie Großbritannien oder USA, die eigene Zuchtvereine haben, diese kooperieren jedoch mit der FCI, sodass auch Züchter aus diesen Ländern mit deutschen Züchtern ohne Probleme zusammenarbeiten können.
Natürlich war es von Anfang an nötig, einen "gemeinsamen Nenner" festzulegen. Werfen wir einmal einen Blick auf den Fußball. Warum können wir uns alle vier Jahre so herrlich als Fans bei einer Weltmeisterschaft ausleben? Natürlich nur, weil Fußball in jedem Land in etwa gleich gespielt wird. Das Spielfeld ist immer gleich groß, ebenso die Tore usw
Jedes Hobby braucht Regeln, wenn es auf einem bestimmten Niveau und mit mehreren Menschen ausgeübt werden soll.
Ausgehend von Herkunft und Funktion wurde für jede Hunderasse ein international gültiger Rassestandard erarbeitet, der von der FCI verwaltet wird und für alle Mitglieder gültig ist. Der Standard beschreibt die Rasse bis ins Detail, lässt hier allerdings in bestimmten Grenzen auch Varianz zu.
Für den Dalmatiner gültig ist der FCI-Standard Nr. 153. Der Standard ist also gewissermaßen ein Spiegel dessen, wie der ideale Dalmatiner aussehen würde; dies betrifft optische Regeln (Fellfarbe, Fellstruktur,...), aber auch Körperbau, Charakter und Gesundheit. Anhand dieses Standards können Hunde auf Ausstellungen bewertet werden, können Züchter ihrem Hobby nachgehen, und es können sich auch interessierte Hundefreunde ein Bild der Rasse machen.
Alle Zuchtvereine und Züchter, die Mitglied in der FCI, dem VDH oder vergleichbaren Clubs wie dem englischen Kennel Club sind, sind dem jeweils in ihrem Verein gültigen Standards verpflichtet. Eine Änderung des Standards ist nach bestimmten Regeln möglich, somit ist eine Modernisierung bzw. sinnvolle Anpassung des Standards möglich. Der FCI delegiert diese Aufgabe an die Zuchtvereine des Landes, aus de, die Hunderasse ursprünglich stammt. Im Fall des Dalmatiners ist somit der kroatische Zuchtverein für mögliche Änderungen des Standards verantwortlich. Der momentan geltende Standard stammt aus dem Jahr 2011.
Was passiert, wenn ein Züchter nicht Mitglied eines solchen international anerkannten Zuchtvereins sein will, also die Regeln der FCI nicht einhalten möchte?
Die Vermehrung von Tieren ist nicht gesetzlich verboten, zumindest solange das Tierschutzgesetz eingehalten wird. Es wäre also völlig legal, sozusagen im Hinterzimmer Tiere zu vermehren, egal ob man hierbei finanzielle Interessen oder eigene "züchterische" Vorstellungen verfolgt. Auch ist es nicht verboten, einen neunen Zuchtverband zu gründen, der sich seine eigenen Regeln schreibt. Moralisch grenzwertig kann es allerdings werden, wenn man eigene "Ahnentafeln" erstellt und somit beim Laien das Gefühl erweckt, es würde sich um Ahnentafeln im Sinne des VDH handeln. Die AT ist zwar für viele Welpenkäufer nicht besonders wichtig, für Züchter ermöglicht sie jedoch, die Ahnen und selbst weitläufige Verwandte des betreffenden Tieres über viele Generationen herauszufinden und somit wertvolle Informationen über die genetische "Ausstattung" sowie Risiken zu bekommen.
Tiere, die nicht aus VDH/FCI-Zuchten stammen, verfügen über keine AT; insofern ist auch keine seriöse Ahnenforschung möglich. Somit sind Krankheitsrisiken nicht einschätzbar.
Das wichtigste Argument, warum eine seriöse Hobby-Zucht nur innerhalb der anerkannten Zuchtvereine möglich ist, ist die genetische Variabilität. Wie bereits erwähnt, gehen Fachleute davon aus, dass eine gesunde Zucht über viele Generationen nur möglich ist, wenn mindestens 1000 Tiere zur Verfügung stehen. Eine solche Zahl an Zuchttieren steht nur in den FCI-Zuchtvereinen zur Verfügung. Diese Zuchttiere werden ausschließlich innerhalb der Vereine zur Verfügung gestellt, stehen als "Hinterhof-Züchtern" nicht zur Verfügung. Somit kann keine Selektion an Zuchtpartnern stattfinden, und der Genpool steht nicht zur Verfügung. Oft liest man das Argument, man würde den Genpool durch Hereinnahmen einzelner neuer Varianten (zB Fellfarben) vergrößern. Dies ist sachlich völlig falsch:
Ein Hund verfügt über ca 25.000 Gene. Wenn man nun bei einem einzigen Gen eine einzige neue Variante in den Genpool einführen würde (meist existieren diese Varianten ja sowieso schon im Genpool der Rassen (siehe Lemon), hätte man keine merkliche Veränderung am Genpool vorgenommen. Wenn man jedoch im Gegenzug zwangsläufig auf die Mitgliedschaft in der internationalen Züchtergemeinschaft verzichtet und somit keinen Zugriff mehr auf tausende von FCI-registrierten Zuchttieren hat, muss man stattdessen auf eine Handvoll "eigener Zuchttiere" zurückgreifen und hat den eigenen Genpool somit auf ein inakzeptables Minimum reduziert. Da derlei "Hinterhofzüchter" auch meist weder auf Ausstellungen noch Fortbildungen anzutreffen sind, den Kontakt zu Fachleuten und Wissenschaftlern meiden und auch keine Kontakte zur internationalen Zuchtgemeinde pflegen, sind ihre Informationsquellen recht dürftig und unfundiert.
Ein seriöser Züchter ist sich bewusst, dass man ein Lebewesen nicht auf einzelne Merkmale reduzieren kann. Ein Hund ist die Summe seiner Eigenschaften und dies muss züchterisch berücksichtigt werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass "Seltenheitszucht" (also die Zucht auf ein einzelnes seltenes Merkmal) oder auch "Extremzucht" oftmals auch zur Qualzucht führt. In der berühmten englischen Dokumentation "Pedigree Dogs Exposed" werden hier einige Beispiele genannt. Bestimmte Rassen wurden extrem auf ein einziges Merkmal gezüchtet, ohne das Augenmerk auf die allgemeine Gesundheit zu richten.
Rassen ohne Schnauzen, die kaum noch atmen können, Rassen mit zu großen Köpfen, die nur noch per Kaiserschnitt auf die Welt kommen können etc. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Hier sind schwere Fehler in der Zucht passiert, weil auf einzelne Merkmale extrem gezüchtet wurde, der Standard dahingehend angepasst wurde, die Extreme noch weiter übertrieben wurde, usw. Hier wurde also auch innerhalb der FCI-Zucht schwere Fehler begangen weil einige entscheidende Leute ihren Einfluss geltend gemacht haben, um auf seltene Extreme zu züchten.
Diese Fehler sind nicht passiert, weil man die Rasse erhalten und den Standard beachtet hat, sondern weil man auf das Extrem gezüchtet hat und den Standard dem "Markt" und den Wünschen Einzelner angepasst hat. Beim Dalmatiner wurden derlei Auswüchse zum Glück verhindert. Der Wunsch nach dem Seltenen, nach dem Extremen, damit verbunden kurzer züchterischer (und finanzieller?) Erfolg sind Gefahren, gegen die sich die Züchtergemeinschaft bisher erfolgreich wehrt.
In diesem Sinne bedeutet Zucht also, die Rasse zu bewahren und sie nicht zu verändern. Eingriffe in den Standard, mit dem Ziel, das Seltene zu fördern und zu übertreiben, haben manche Rasse an den Rand des Abgrundes geführt. Die Einführung neuer "Varianten" ist nur dann sinnvoll, wenn es klare gesundheitliche Argumente gibt. (...)
Text: @Dr. Frank Pfannenschmid "Zucht - was ist das?"